Glück oder Pech?
Es war einmal ein armer Bauer, dem entlief sein einziges Pferd. „Oh, du Armer! Hast du ein Pech!“ riefen da die Nachbarn aus dem Dorf. Er war aber bekannt für seine weise Gelassenheit und sagte erst einmal vorsichtig: „Man soll nie so schnell urteilen, ob etwas Glück oder Pech ist.“
Und tatsächlich, als sein Sohn auszog, um das verlorene Pferd zu suchen, brachte er bald darauf nicht nur dieses, sondern mit ihm noch eine ganze Herde wilder Pferde nach Hause. „Oh, wirklich, hast du ein Glück!“ gratulierten ihm jetzt seine Nachbarn, als er so auf einen Schlag zum reichsten Mann im Dorf wurde. Doch auch jetzt blieb der Bauer ruhig und besonnen und sagte nur: „Man weiss nie, ob etwas Glück oder Pech ist.“
Es ging nicht lange, da hatte der geschickte Sohn schon einige der wilden Pferde gezähmt und zugeritten. Beim Schönsten und Wildesten allerdings passierte es, dass er, schon müde, in einem unachtsamen Moment arg zu Boden geschleudert wurde und sich dabei ganz unglücklich das Bein brach. „Oh je, ihr habt wirklich ein Pech!“ meinten da die anderen Dorfbewohner wieder mitfühlend. Doch der alte Bauer liess sich auch durch dieses Ereignis nicht aus der Ruhe bringen und sagte nur sinnend: „Man kann wirklich nie sagen, ob etwas Glück oder Pech ist.“
Nun geschah es aber, dass im nachbarlichen Königreich Krieg ausbrach, und alle kräftigen jungen Männer des Landes wurden zur Verteidigung eingezogen. Mit Ausnahme natürlich des Bauernsohnes, der immer noch an Krücken humpelte. „Hast du ein Glück!“ wollten die anderen im Dorf schon wieder sagen, doch sie erkannten inzwischen die Weisheit des Bauern, und dass man eigentlich wirklich nie im Voraus beurteilen kann, ob etwas Glück oder Pech ist.
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